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Statusterroristen.

7 September 2009 2,493 views 7 Comments

Amalfi

In den letzten sieben Tagen an der Steilküste Amalfis hat mein Finger tatsächlich ein paar Mal gezuckt. Zu gern wollte er zu Twitter, um meine Follower mit gut getarnter EGO-AUFWERTUNG vor Neid erblassen oder zumindest hektisch nach vergleichbar ästhetischen Erlebnissen fahnden zu lassen. Ich habe den Finger festgehalten und ihn mit dem anderen ausgeschimpft. Schliesslich waren wir hier um uns zu erholen, vom STATUSTERRORISMUS, der sich seit einiger Zeit unter meine sozial-medialen Freunde gemischt hat.

Seit Monaten vergeht keine Minute ohne dass mich ein Zweizeiler tief ins Mark trifft wie der Einkaufswagen von hinten auf die Achillessehne. „Just had the moment of my life“. „Danke an alle für diese Wahnsinns-Party gestern“. „Wo kommt dieser krasse Workflow nur plötzlich her?“. „De-Toxing seit zwei Wochen“. Während Achilles aufheult, scanne ich blitzschnell mein aktuelles Leben nach selbsterhöhenden KONTERN ab und tippe eilig: „Ich trinke jetzt immer Freitags einen Kaffee mit der Inspiration.“ Dann atme ich durch und schäme mich ein bisschen.

Twitter und Facebook sind für uns zu privaten Kunstsammlungen geworden. Hier bauen wir die GALERIEN UNSERES LEBENS und diese oft in knallpink und rosarot. Die Grautöne werden weggesperrt, in die nicht-öffentliche Ecke der Seelen-Ausstellung gestopft. Schafft es einer von ihnen doch ins Facebook Kästchen, dann ertappe ich mich dabei wie sympathisch mir diese ehrliche Missgelauntheit oder Unsicherheit ist. Sie verschafft mir Erleichterung vom angestrengten MITHALTEN im Lauf um das aufregendste Dasein.

Ich laufe mit, weil es befriedigend ist von sich selbst zu erzählen und gleichzeitig macht es mich rast- und ratlos. Ich kann nicht mehr allein sein. Mein IDEALBILD zerrt beständig am Twitter Finger und will nach draussen hin erzählt sein. Und ja, es macht Spass. Vorallem, wenn alles super läuft. Dann feiert es mit den anderen Idealen die ewig gute Party. An den Tagen an dem dies nicht so ist, fühle ich mich wie im falschen Film und frage mich beim Betrachten der Partybilder vom Tag zuvor, warum den niemand einfach bei mir angerufen und mich mitgenommen hat.

Die Lösung. Ich kenne sie nicht. Es geht mir nicht ums Predigen von schonungsloser Ehrlichkeit in guten wie in schlechten Zeiten, schließlich weiß man nie wer mitliest. Vielleicht aber sollten wir ein bisschen mehr IRONISCHE GELASSENHEIT an den Tag legen und uns dem ständig rauschenden Status-Stroms einfach mal verweigern.Neapel

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7 Comments »

  • stadtpiratin said:

    twitter ist glaube ich nicht lediglich das spannende erleben, sondern alltag, in spannenden worten verpackt. womit wir wieder bei inspiration währen. insgesamt kann ich verstehen, worüber du schreibst. und: war es nicht schön, fernab von zu hause nicht zu twittern? es macht spaß, sonst würde es keiner tun. twitter befriedigt mein mitteilungsbedürfnis und unser aller sucht nach einer selbstplattform – was nicht weiter schlimm, sondern durchaus positiv ist, allein ihr vorhandensein.
    ich habe am französischen atlantikstrand diesen sommer aber festgestellt, dass es sich auch ohne internet und mobiltelefon für einige zeit ganz gut leben lässt, denn was dann kommt ist: stille. meer und bücher. oder ähnliches. kompliment für deinen blog, zu recht in meiner blogroll :)

  • Matthias said:

    das gefällt mir sehr wie du darüber schreibst !

  • misscreativeclassy (author) said:

    @stadtpiratin spass macht es, weil es vorallem unterhaltsam ist und mir oft genug ein lächeln aufs gesicht zaubert. vorausgesetzt der twitterfreund kann schreiben. und die bücher vom strand, die bleiben. bin gestern geich im buchladen untergetaucht und habe mich eingedeckt. für ein neues erleben und um die zweizeiler von zeit zu zeit auszublenden. danke für deinen kommentar!

  • minou said:

    mir gefällt auch wie du das siehst. genauso wie eine traumwelt aufzubauen gibt es ja auch den fall, in dem jedes detail des (emotionalen) lebens im internet verbreitet wird. ich glaube eine balance dazwischen wäre schon zu persönlich (zumindest für mich). eine perfekte welt vorzugaukeln ist vielleicht für das internet eine gute lösung, wenn sie nicht das private frisst. es scheint ja zudem so, als sei der ganze “happy erfolgreich und du so?”-zirkus gut durchschaubar… vielleicht, weil wir uns da alle an die selben spielregeln halten.

  • IF WE RAN THE WORLD- Cindy Gallop « Miss Creative Classy said:

    [...] Artikel Statusterroristen Du musst Dein Leben [...]

  • Lisa said:

    “Ironische Gelassenheit” ist nie verkehrt und übrigens auch meine Geheimwaffe für sämtliche Lebenslagen! Wunderbar, wie du über dieses Phänomen schreibst – solange wir wissen, dass es auch ohne geht, ist alles in Butter.

  • FREITAGSKAFFEE MIT DER INSPIRATION. Vernetzt. « Miss Creative Classy said:

    [...] hat „vernetzt“ dazu gebracht darüber nachzudenken, warum mich vernetzt sein manchmal nervt. Und dann habe ich mich gefragt, was mit denen ist, die immer noch in der analogen Welt leben. [...]

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