Die neue Kreative Klasse: Jan Joswig – Vom Reinbuddelnerd und Kreuzberger Weltbürger
JAN JOSWIG ÜBERRASCHT.

ALLE FOTOS: YUNA YAGI
Zunächst durch seinen Anblick wie er da im Berliner Kunsthinterhof an die Wand gelehnt auf dem Boden sitzt. Im Anzug aus fein glänzendem Stoff und leuchtend pinkfarbenen Socken, die in Dolce & Gabbana Slippern stecken.

Und ein wenig später dann in unserem Gespräch, mit Aussagen, die mir ziemlich schnell klar machen, dass hier eine recht selten gewordene Spezies vor mir auf auf einem wackeligen Stoffstühlchen thront. Wir sind inzwischen auf dem Dach des Internet Startup Soundcloud beim Frühstück gelandet und Jan Joswig erzählt, wo seine norddeutsche Grünschnabel-Vision vom “UNIVERSAL GEBILDETEN WELTBÜRGER” hingeraten ist.
Um mal kurz den Berufskontext aufzuspannen: Jan Joswig ist Journalist mit einem Diplom in Kunstgeschichte. Aber eigentlich ist er KURATOR, ART DIREKTOR, POPSPEZIALIST, FASHIONIKONE, CHEFREDAKTEUR UND DJ.
Er ist derjenige, den man anruft, wenn man sich einen Text wünscht, der laut Jan durch „einen gewissen Humor“ besticht, „von dem klar ist, dass man ihn nicht vortäuschen könnte“. Jan’s Schreibe ist unimitierbar. Und zwar deshalb, weil Jan ein unglaublich assoziatives Gehirn besitzt, welches ihn, wohlgenährt durch eine enorme Dosis an beneidenswerten Erlebnissen (Sorte Interview mit Wolfgang Joop oder “Sex Pistols”- Erfinder Malcolm McLaren extrem unterhaltsame und verdammt kluge Beobachtungen aufs (Online-)Papier zaubern lässt.
Jan hat das Magazin de:bug mit hochgezogen und sich mit seiner Kreativität an der Gesamtheftkonzeption sowie im Housemusik- und Fashionbereich ausgetobt. Ist ihm aber natürlich nicht genug. Das Zoo Magazine, Zitty, taz (Rumstehen und Ausgehen), die demnächst erscheinende deutsche Intersection und ZEIT Online kommen regelmäßig in den Genuss der Jan Joswig Perspektive. „Nackt im Wind“ heißt seine wöchentliche Online Kolumne für Nokia‘s Fashion Lab, die sich mit ihm eine gehörige Portion Avantgardismus ins Markenimage geholt haben. O-Ton Jan: „Die wollen den Charakter meiner Schreibe und pfuschen mir da nicht rein – eine Idealsituation für mich!“
Yuna und ich sind mit Jan Joswig spazieren gegangen.
Wir wollten wissen, wie man diese AURA AUS EXTREMER LÄSSIGKEIT UND AUGENWEITENDEM STIL erreicht. Besucht haben wiR Jan Joswig‘s Berliner LIEBLINGSORTE. Konfrontiert wurde wir mit synapsenerweiternden Assoziationen. Und gefunden haben wir eine Haltung, die eventuell das KREATIVE GEHEIMNIS eines Weltbürgers ausmachen mag.
1. STATION FRÜHSTÜCK SOUNDCLOUD DACH, ORANIENBURGER STRASSE

WAS FASZINIERT DICH?
Ich habe mal für das ZOO Magazine über mich selbst geschrieben: „I prefer interesting people doing boring stuff to boring people doing interesting stuff“. Ich finde es extrem spannend zuzugucken, welche Menschen sich zu welchen Dingen wie verhalten.
DU HAST SCHON RECHT FRÜH DEN WUNSCH GEHEGT, EINE ART UNIVERSAL GEBILDETER WELTBÜRGER ZU WERDEN. WIE KAM DAS?
Ich war als Schüler der totale REINBUDDELNERDund habe unter den Begrenzungen gelitten, die das mit sich brachte: Wir waren eine typische Jungsclique, die mit extremen Musik-Spezialwissen um sich schmiss. Alles was von aussen kam konnten wir nicht honorieren. Wenn z.B. ein Mädchen das zehnte Bootleg unserer psychedelischen Gitarrenrocksachen nicht kannte, dann nahmen wir ihren Beitrag schon nicht mehr ernst.
Mein OFFENBARUNGSERLEBNIS kam als meine Heimatstadt Kiel immer enger wurde: entweder ich wäre explodiert oder ich ging…nach Berlin. Seitdem habe ich nie wieder was mit mehr als zwei Jungs gleichzeitig gemacht…

WAS IST SEITDEM MIT DIR GESCHEHEN?
Ich habe mir ein NETZ AUS WISSEN aufgebaut, das eine gewisse Aufgehobenheit schafft. Die Sachen stehen dann nicht so vereinzelt herum, sondern bilden ein Netz, in dem man sich bewegen kann. Es muss gar keinen Mittelpunkt haben, aber man kann Verknüpfungen aufbauen und Dinge zusammen bringen, die eigentlich total fern voneinander zu liegen scheinen. Das macht es KOMPLEXER aber auch BEWEGLICHER.
2. STATION FLOHMARKT, MUSEUMSINSEL
TRÄGST DU EINE BESTIMMTE HALTUNG IN DIR?
Menschen werden bewundert, wenn sie ein Leben lang einer Sache treu bleiben. Ich sage: Da hat sich einfach nur einer geweigert sich weiterzuentwickeln. Ich finde es toll, einer Haltung treu zu sein, die sagt: Ich will NEUES entdecken, aber die alten Sachen auch immer wieder NEU. U2 z.B. war eines meiner größten Hassobjekte während meiner Teenagerzeit. 20 Jahre später habe ich U2 dann völlig neu entdeckt. Ich konnte den künstlich produzierten Pathos als KÜNSTLERISCHE HALTUNG würdigen. Man emanzipiert sich vom Religionsgehalt.

ERZÄHL UNS WARUM DU FLOHMÄRKTE LIEBST.
Es ist ihr REIZ. Diese totale Unvorherbestimmtheit was man finden wird. Es kann aus allen Epochen und auf allen Qualitätsstufen geschehen. In einem Shop ist der Rahmen bereits von vornherein klar.
Ich gehe meistens los und gucke, ob ich was finde, das zu dem passt, was ich da im Hinterkopf habe. Ich kaufe nur Dinge, die ich in das ÄSTHETISCHE RASTER, an dem ich gerade arbeite, einordnen kann – Arbeitsmaterial sozusagen.
Mein coolstes Flohmarkstück: 7 handgenähte Hemden von Elvira Stathut, einer Berliner Schneiderin. Die trage ich immer noch.
3. STATION PRO QM, ALMSTADTSTRASSE

PRO QM – LIEBLINGSBUCHLADEN DER BERLINER AVANTGARDE. WAS ZIEHT DICH HIERHER?
Pro qm ist es gelungen, das anfänglich sehr spezialisierte intellektuelle Interesse an Architektur auf ganz andere Bereiche, wie z.B. Mode, auszuweiten und dabei immer noch den selektiven Blick zu bewahren. Ich mache hier meinen wöchentlichen PRESSESPIEGEL und entdecke in Magazinen wie z.B. Starship außergewöhnliche TALENTE.
HAST DU SCHON EINMAL DARAN GEDACHT EIN BUCH ODER EINEN BLOG ZU SCHREIBEN?
Ein BUCH eher als einen Blog: die aktuellsten Infos in kleinen Häppchen weiter zu reichen ist nicht meine Art zu schreiben. Ich gehe auch nicht mit solch einem Fokus durch Läden oder blättere in Magazinen. Die Suche nach dem Neusten – das bin nicht ich.

WIE VERSETZT DU DICH IN SCHREIBSTIMMUNG?
Ich habe das gar nicht so bewusst im Griff. Meine Schreibstimmung kommt meistens kurz vor dem AUFWACHEN. Ich schlage die Augen auf und habe sofort ein paar Formulierungen im Kopf. Ich muss dann SOFORT an den Rechner SPRINGEN, vor allem anderen, und diese Sätze reinhacken. Im Winter frier ich dann ganz doll.
WER SIND DEINE AUFTRAGGEBER?
Oft Leute, die ich kenne. Agenten für irgendwelche Auftraggeber, die, meistens nach MITTERNACHT, auf mich zukommen: „Mensch, gut dass ich Dich treffe, ich wollte Dich schon immer Mal fragen… Ich muss mir das dann immer aufschreiben, damit ich es am nächste Morgen noch weiß…“
HÖRT SICH SO AN, ALS OB DIE DINGE ZU DIR KOMMEN…
Alles passiert mehr ZUFÄLLIG, als dass ich es bewusst aussuche. Ich würde nicht mal mitkriegen, wenn ich mich um einen Job zielgerichtet bemühen sollte. Mir wird schon mal vorgeworfen, dass ich ja im Geheimen schon die Weichen stelle, aber ich nehm das wirklich nicht so wahr. Ich bin mir auch unsicher, wie ich das bei Anderen bewerten soll. Man kann ja schon neidisch sein, auf die zielstrebigen Menschen mit dem 5-Schritte-Programm. Aber ich wollte schon immer ZIELUNGERICHTET werden, mich hat immer mehr das UNIVERSAL WISSEN interessiert.
4. STATION UMSONSTLADEN, BRUNNENSTRASSE

WELCHE MENSCHEN BEEINDRUCKEN DICH?
Hmmmm, generell eher Ältere, die schon eine Geschichte hinter sich haben, weniger EUPHORISCHE JUNGSPUNDE .
Und im Speziellen vielleicht meine Kunstgeschichteprofessorin. Sie war sehr raubeinig und gleichzeitig mondän, man konnte sie ganz schwer einschätzen. Extrem autoritär aber auch überaus ABENDKLEIDTAUGLICH.
STICHWORT MONDÄN: WIE KANN BERLIN AUS DEM JETZIGEN KREATIV EIN MONDÄN MACHEN?
Vielleicht dann, wenn sich West- und Ostberlin stärker verbinden. Wenn sich die Westberliner Etabliertheit mit dem FRISCHEREN SINN Ostberlins für STILFRAGEN mischt.
WAS FEHLT BERLIN NOCH ZUR WAHREN KREATIVMETROPOLE?
Die kompetente SCHNITTSTELLE. Leute, die über Entscheidungsmacht und Finanztöpfe verfügen, aber trotzdem total Ahnung von der Kreativseite haben. Das gibt es ja in LONDON und KOPENHAGEN ganz stark. Junge Talente dürfen in Kopenhagen ihre Kollektion im Rathaus zeigen, die Stadt gibt eine Fashion Week Zeitschrift heraus und lässt auf allen Bildschirmen die Fashion Week zeigen.
GIB UNS DREI TIPS WIE WIR SO WERDEN KÖNNEN WIE DU.
Es ist total nützlich großzügige geduldige Eltern zu haben.
Mir hat immer mein GOTTVERTRAUEN genützt, obwohl ich überhaupt nicht religiös bin. Ich konnte mir nie vorstellen, dass irgendetwas nicht gut ausgehen könnte. Das nützt einem schon sehr als GRUNDHALTUNG.

JAN’S LINKS
Zitty.de
Zeit.de
Zünder.Zeit.de
Nokia Fashionlab
De:bug
Zoo Magazine


Jan ist toll
Danke für die Mühe. Wirklich sehr schön zu lesen. Die Bilder sind auch toll.
Wunderbarer Beitrag. Wunderbare Fotos. Toll!
@Mahret und Caro: ich fühle mich geehrt
und mach eifrig weiter
Love it! Vielen Dank!
[...] mit JOHANNES BONKE, dem Kopf vor und hinter der WEB TV Doku-Soap THOUSAND FACES. Interviews mit erfolgreichen Journalisten sind ja meine [...]
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